Identität

drObs 05/2026
Unsere Mai-Ausgabe ist da und steht ganz im Zeichen des Titelthemas „Identität“!
Wer sind wir, und wo gehören wir hin? Stärker denn je treiben uns in einer im Wandel begriffenen und tendenziell unsicherer gewordenen Welt diese Fragen um. In uns allen lebt der Wunsch, dazuzugehören, denn allein auf uns gestellt, sind wir schwach und verwundbar. Wo wir uns in unseren Bedürfnissen und als Menschen geachtet und anerkannt und sicher fühlen, dort wurzeln und gedeihen wir.

Welch ein Signal sendet es also, wenn sich nur noch 27 Prozent der Deutschen mit den Institutionen ihres Staates identifizieren? Doch diese Vertrauenskrise wird nachvollziehbar, wenn man sich vergegenwärtigt, wie die Bedürfnisse der Bevölkerung und staatliches Handeln inzwischen oft auseinanderdriften. Während sich 80 Prozent einen starken Sozialstaat gerade in Krisenzeiten wünschen, höhlt die GroKo diesen zugunsten außen- und wirtschaftspolitischer Interessen immer weiter aus.
Am Beispiel der Fußballfankultur lässt sich ablesen, was droht, wenn Identität sich radikalisiert, weil Strukturen, die Identität stiften, weil sie das alltägliche Dasein prägen, sich derart verändern und vom Menschen abkehren, dass sich schließlich der Mensch selbst abwendet und beginnt, eigene Systeme zu bauen. Auflehnung gegen das System im Kleinen.
Identität wächst sprichwörtlich dort, wo wir wurzeln. Nichts zeigt das besser als die wechselvolle Geschichte der Dresdner Plattenbauviertel Prohlis und Gorbitz, die in diesem Jahr 50. bzw. 45. Geburtstag feiern. Wer mittellose Menschen in „Brennpunktvierteln“ konzentriert, der muss sich nicht wundern, wenn sich die Prophezeiung am Ende erfüllt. Wer nur noch weg will, weil Menschenwürde und soziale Realität sich maximal voneinander entfernt haben, der wurzelt nicht, der kündigt. Wir haben beide Viertel besucht und Menschen getroffen, die nicht gekündigt haben, die teils seit Jahrzehnten im Viertel leben und wirken und sagen: Wir sind hier zu Hause – oder aber maßgeblich dazu beigetragen haben, dass Menschen sich trotz aller Probleme zu Hause fühlen.