Erwachen

drObs Juni 2022

drObs Juni 2022
„Wacht endlich auf!“ – Erinnert ihr euch noch an diesen Satz, oft wütend den jeweiligen Meinungs-Opponent*innen entgegengeschleudert, den man so oft in den letzten Jahren gehört hat? Nicht wenige meinen in dieser fundamentalen Absage an die Auseinandersetzung mit der Unterschiedlichkeit das äußere Zeichen einer tiefen gesellschaftlichen Spaltung zu erkennen. 
So wird Erwachensrhetorik besonders gern in konspirativen und esoterischen Zirkeln verwendet, um die eigene Besonderheit gegenüber dem und gleichzeitig die Ablehnung des „Mainstream“ zum Ausdruck zu bringen. Immer dort, wo Führerpersönlichkeiten Anhänger*innen hinter sich scharen wollen, wird zwischen „Erleuchteten“ und „zu Erweckenden“ unterschieden. Immer geht es dabei um Macht und Selbstermächtigung, und immer sind Menschen mit geringem Selbstwert und in Krisensituationen besonders empfänglich für derartige Botschaften. Die psychosozialen Abhängigkeitesverhältnisse, die dabei oft entstehen, können Leben zerstören und die Rückkehr in die Mitte der Gesellschaft maximal erschweren. Sophie, unsere Hauptprotagonistin, hat das leidvoll erfahren müssen. Hineingeboren in die Zeugen Jehovas, ist Sophie mit 18 nach jahrelanger Indoktrination und Manipulation schwer depressiv und sozial fast völlig isoliert. Dennoch wagt und schafft sie den Ausstieg und setzt sich heute für die Einstufung der „Zeugen“ als Sekte ein. Doch ihr persönlicher Erwachensprozess ist lang und hart, die Jahre in erzwungener Abgeschiedenheit haben bis heute Spuren in Sophies Leben hinterlassen.
 

Besonders häufig hat man den Satz „Wacht endlich auf!“ im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie und dem Streit um die politischen Maßnahmen zu ihrer Eindämmung gehört. Ilona aus Dresden treibt dieser Satz die Tränen in die Augen. Ilona hatte Corona – und leidet bis heute unter den Folgen. Seit anderthalb Jahren versucht die Long-Covid-Patientin wieder zu vollem Leben zu erwachen, kämpft gegen Erschöpfung, Müdigkeit und ignorante Mitmenschen. Im April hat sie gemeinsam mit 30 anderen Betroffenen die erste Dresdner Long-Covid-Selbsthilfegruppe gegründet.

 
Da wir krankheitsbedingt etwas Verzögerung hatten, wird das Juni-Heft voraussichtlich auch noch in der ersten Juli-Woche im Verkauf sein. Greift zu!